Wenn Bedarf wegrechnet, was Alltag ist.

Die Linke RBK

Ein Appell an Politik und Jugendhilfeausschuss in Bergisch Gladbach

Wenn Bedarf wegrechnet, was Alltag ist

Ein Appell an Politik und Jugendhilfeausschuss in Bergisch Gladbach

Mit der „stillen Abkehr“ von der seit Juni 2021 geplanten Autismus-Spektrum-Störung-spezifischen Kita in Hebborn hat der Jugendhilfeausschuss der Stadt Bergisch Gladbach am Abend des 10. Dezembers 2025 eine Entscheidung getroffen, die weit über ein einzelnes Projekt hinausgeht. Begründet wird dieser Schritt mit fehlendem Bedarf, veränderten Zahlen und nicht zuletzt finanziellen Erwägungen. Was die Stadt Bergisch Gladbach daraus macht, wird sich am 16. Dezember 2025 in der Stadtratssitzung zeigen. Aus Sicht der pädagogischen Praxis wirft diese Entscheidung jedoch erhebliche Fragen auf.

Bedarf lässt sich nicht allein berechnen

Die Bewertung des „Bedarfs“ orientiert sich derzeit vor allem an statistischen Zahlen. Diese bilden jedoch nicht ab, was in Kitas täglich geschieht. Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS), ADHS oder anderen Entwicklungsbesonderheiten sind keine Ausnahmeerscheinungen. Sie gehören zur pädagogischen Realität – auch dann, wenn sie in Bedarfsplanungen nicht oder nur unzureichend erscheinen.

Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht dies: Die Aufnahme eines Kindes mit Epilepsie führte in einer Kita zu massiver Verunsicherung. Kolleg*innen wollten das Kind nur ungern im Gruppenraum betreuen oder mit nach draußen nehmen – aus Angst vor möglichen medizinischen Notfällen. Erst durch intensive Schulungen und fachliche Begleitung konnte Sicherheit hergestellt werden. Diese Unsicherheit ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck fehlender struktureller Vorbereitung.

Früherkennung scheitert an Überlastung und fehlendem Fachwissen

Ein weiteres Beispiel zeigt die Folgen unzureichender Strukturen besonders deutlich: Bei einem Kind mit vermuteter ASS war bereits mit zwei Jahren erkennbar, dass eine Entwicklungsbesonderheit vorliegt. Trotz fundierter Stellungnahmen der Kita wurde dies ärztlich zunächst abgetan. Zwei Jahre kämpfte die Mutter – unterstützt durch Fachstellen – bis zumindest eine Entwicklungsverzögerung anerkannt und eine Integrationskraft bewilligt wurde.

Diese Zeit ist für die Entwicklung eines Kindes verloren. Frühzeitige Förderung scheitert hier nicht am fehlenden Willen, sondern an mangelnder

Sensibilisierung, fehlender Zeit und unzureichendem Fachwissen – auch auf Seiten der Diagnostik.

Kitas zwischen Anspruch und Realität

Der erhebliche Mangel an Kitaplätzen führt dazu, dass Einrichtungen gezwungen sind, auszuwählen. Dieses Vorgehen wird häufig moralisch bewertet, ist aber auch Ausdruck von Verantwortung. Chronisch unterbesetzte Kitas können Kindern mit erhöhtem Unterstützungsbedarf oft nicht gerecht werden – selbst dann nicht, wenn sie es möchten.

Schon unter den aktuellen Bedingungen ist es kaum möglich, allen Kindern die angemessene pädagogische Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Kinder mit Unterstützungsbedarf benötigen hinzukommend etwa in Kommunikation, sozialer Interaktion oder Pflege dann auch noch zusätzliche Ressourcen. Gleichzeitig brauchen auch alle anderen Kinder mehr Begleitung, um Besonderheiten zu verstehen und einzuordnen. Ohne entsprechende Rahmenbedingungen ist das nicht leistbar.

Das Recht auf einen Kita-Platz – ohne Schutz für Qualität

Das einklagbare Recht auf einen Kita-Platz verschärft diese Situation zusätzlich. Statt den Fachkräftemangel konsequent zu beheben, werden Kinder in ohnehin überlastete Systeme gedrängt. Kitas drohen zu Aufbewahrungsorten zu werden. Unter diesen Bedingungen ist es kaum möglich, Entwicklungsbesonderheiten frühzeitig zu erkennen, zu dokumentieren und angemessen zu begleiten – geschweige denn, allen Kindern eine entwicklungsfördernde pädagogische Begleitung zu bieten.

Fehlende Qualifikation als strukturelles Problem

Besonders kritisch ist die Situation bei der Qualifikation des Personals. Viele Erzieher*innen verfügen über wenig bis kein spezifisches Wissen zu Entwicklungsbesonderheiten wie z.B. der ASS. Integrationskräfte und Alltagshilfen benötigen häufig keinerlei Vorerfahrung oder verbindliche Qualifikation im Umgang mit Menschen mit Behinderung oder mit Kindern.

Diese strukturelle Unterqualifizierung führt zwangsläufig zu Überforderung – und damit zu Fehlern, die Kinder teuer bezahlen.

Warum ein ASS-Kompetenzzentrum notwendig gewesen wäre

Die geplante ASS-Kita mit Kompetenzzentrum in Hebborn hätte hier gezielt ansetzen können:

- als Fortbildungsort für pädagogisches Fachpersonal auf Basis aktueller fachlicher Erkenntnisse,

- als Anlaufstelle für Familien, Angehörige und weitere Hilfesuchende, die Orientierung und Unterstützung benötigen,

- als Zentrum für Aufklärungs- und Netzwerkarbeit zwischen Kitas, Fachstellen und Verwaltung.

Die Entscheidung gegen dieses Projekt ist damit auch eine Entscheidung gegen eine notwendige strukturelle Weiterentwicklung.

Konkrete Forderungen an Politik und Jugendhilfeausschuss

Wenn Inklusion in Bergisch Gladbach gelingen soll, braucht es mehr als Bedarfszahlen:

- die Errichtung eines kommunalen Autismus-Kompetenzzentrums unter Einbindung der Träger und spezialisierter Fachstellen (z. B. Autismus-Therapiezentrum), mit Fokus auf Unterstützung von Bezugspersonen und Fachkräften,

- die systematische Förderung der psychischen und körperlichen Gesundheit pädagogischer Fachkräfte,

- strukturelle Entlastungsmodelle, etwa eine normalisierte, voll vergütete Vier-Tage-Woche,

- gesetzlich abgesicherte Personalschlüssel, die nicht durch Notlösungen unterlaufen werden dürfen,

- verbindliche, regelmäßige Fortbildungen zu ASS, Entwicklungsbesonderheiten und inklusiver Pädagogik,

- verbindliche Qualifizierungsstandards für alle Betreuungspersonen, insbesondere für Integrationskräfte und Alltagshilfen,

- eine kommunale Förderung der Ausbildung und eine angemessene Vergütung zur nachhaltigen Fachkräftegewinnung.

 

Schlusswort

Kinder mit besonderen Bedürfnissen verschwinden nicht, weil Projekte gestrichen oder Bedarfe neu berechnet werden. Sie bleiben in Kitas, in Familien und in einem System, das ihnen gerecht werden möchte, es aber strukturell oft nicht kann. Umso wichtiger wäre es gewesen, mit der geplanten ASS-Kita und dem Kompetenzzentrum einen Ort zu schaffen, an dem Fachlichkeit gebündelt, weiterentwickelt und in die Fläche getragen wird.

Der Jugendhilfeausschuss und die lokale Politik tragen hier eine Verantwortung, die über Haushaltszahlen hinausgeht. Inklusion braucht Strukturen, Fachlichkeit und den Mut zu Investitionen – nicht nur Beschlüsse.

Quellen

18. Juni 2021

Ein Kindergarten zuviel? - Bürgerportal Bergisch Gladbach

25. Juni 2021

Über 60 Plätze: Arbeiterwohlfahrt plant neue Kita in Hebborn | Kölner Stadt-Anzeiger

30. Mai 2023

Eigene Kita-Gruppen für Kinder mit Handicap vor dem Aus - Bürgerportal Bergisch Gladbach

22. Februar 2025

Bergisch Gladbach: In der Stadt fehlen 296 Kita-Plätze | Kölner Stadt-Anzeiger

28. Mai 2025

Kommunal, kurz & knapp: Q1 verliert sein Haus, Kita-Projekt wird vertagt - Bürgerportal Bergisch Gladbach

24. September 2025

Kommunal, kurz & knapp: Die Jugend und die Suche nach dem Geld - Bürgerportal Bergisch Gladbach

10. Dezember 2025

Geplante Autismus-Kita steht vor dem Aus - Bürgerportal Bergisch Gladbach

11. Dezember 2025

Kommunal, kurz & knapp: Stille Abkehr von geplanter Kita - Bürgerportal Bergisch Gladbach